Das Büro als Irrenhaus

 "Ein Büro ist ein Irrenhaus ohne Psychotherapeut."


Die School of Life Berlin hatte mich eingeladen, an einem Event mit Alain der Botton teilzunehmen: Emotional Intelligence at Work. Ich bin ohnehin ein langjähriger Fan von Alain de Botton und heute habe ich noch einmal ganz hautnah erlebt, warum.

Heute ging es um Emotionen am Arbeitsplatz und vor allem, wie unterentwickelt unser Verständnis vom Management unserer Mitarbeiter ist: "Geht mal zu einer Management Schule, ja sogar zur Harvard Business School", so Alain der Botton, "und fragt, ob ihr einen Kurs belegen könnt zu Angst am Arbeitsplatz, zu Streitsucht unter Kollegen oder zum Umgang mit mürrischen Vorgesetzten – man wird euch ansehen, als wärt ihr verrückt." Aber genau das ist das Verrückte, dass wir nicht lernen, wie wir mit Gefühlen am Arbeitsplatz oder wo auch immer umgehen können. Es gibt ein Tabu, wenn es um Emotionen geht, weil wir "professionell" sein wollen. Dabei seien wir – und zwar jeder von uns – viel zu kompliziert, um professionell sein zu können.

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Ein Dreijähriger sollte kein Geschäftsführer sein

Arbeit richtig verstanden könnte sogar dieser Ort sein, an dem wir als Erwachsene lernen, emotional zu wachsen und bessere Menschen zu werden. Statt dessen wehren wir uns dagegen und meinen gar, dass die Arbeit als Instrument des Kapitalismus gefälligst nicht an meiner Persönlichkeit zu rühren hätte. Dabei wäre es doch gerade für Vorgesetzte gar nicht so schwer sich auch den Kollegen gegenüber zu öffnen und zum Beispiel zu sagen: "Sorry für mein Gesicht – ich bin gar nicht sauer auf irgend jemanden, sondern nur besorgt und hier ist warum..." De Botton meint, wenn jemand sich in einem Team so öffnet, bereitet das die Grundlage dafür, dass auch andere sich öffnen und eine ganz neue Vertrauenskultur ensteht. Wir alle haben einen "inneren Idioten" und dazu kann man doch auch stehen.

An dieser Stelle forderte er uns auf, uns an unseren Nachbarn zu wenden und ihm oder ihr zu beichten, warum wir hin und wieder unerträglich für unsere Kollegen sind. Ich beichtete, dass meine Mitarbeiter darunter leiden, dass ich oft nicht besonders an Details interessiert bin und diese deshalb auch öfter vergesse oder deren Wichtigkeit für meine Mitarbeiter nicht wahrnehme. Mein Nachbar meinte, er käme manchmal überempfindlich rüber, wenn andere seiner Meinung nach nicht respektvoll genug kommunizierten. An diesem Punkt habe ich mir überlegt, dass ich tatsächlich bei meinem nächsten Team (ich übernehme im Juni eine neue Position in neuer Firma) die Karten auf den Tisch legen werde.

Viele unserer automatisch ablaufenden emotionalen Reaktionen, so de Botton, werden in der Kindheit, in den ersten drei bis fünf Jahren geprägt. "Und wir sind uns doch alle einig, dass ein emotional Dreijähriger kein Geschäftsführer sein sollte." Warum also setzen wir uns nicht mit emotionaler Reife auseinander und machen uns auf den Weg als Persönlichkeiten zu wachsen? Das fange damit an zu begreifen, dass nicht alle um uns herum unsere Eltern sind und dass wir es als Erwachsene in der Hand haben, unsere Emotionen zu regulieren und auf die Situationen und Menschen um uns herum abzustimmen.

Das Kreuz mit dem Sinn

Eine andere emotionale Baustelle ist die Suche nach dem Sinn im Job. Früher war alles "einfacher": Menschen kamen zu einem Arbeitgeber und haben gesagt: Ich hungere, bitte lass mich hier arbeiten. Heute leben viele von uns in einem Umfeld, in dem nicht einmal ein hoher Verdienst noch motiviert.

"Man dachte, dass wir das Leid hinter uns gelassen haben, nachdem uns nun die grundlegenden Dinge des Lebens wie Nahrung, Kleidung und ein Dach über dem Kopf garantiert sind. Aber nein, jetzt fängt das Problem erst richtig an!"


Mit zunehmendem Reichtum nimmt der Grenznutzen des nächsten Euros oder Dollars rapide ab. Was also ist dann noch ein Motivator? Richtig: Unsere Arbeit muss einen Sinn haben und das heißt bei de Botton, sie muss entweder Freude steigern oder Leid mindern. Eben deshalb wollen Leute gern zum Beispiel eine Pension aufmachen, wo sie müden und hungrigen Leuten ein Essen und ein Bett geben können. Das ist sinnvoll, bereitet den Gästen Freude und lindert ihr Leid. Unser Wirtschaftssystem mit extremer Spezialisierung, globaler Ausdehnung und zunehmender Geschwindigkeit arbeitet jedoch genau in die entgegengesetzte Richtung: Die Sinnhaftigkeit unserer Bürotätigkeit ist unter solchen Maßstäben nicht mehr auszumachen. Die Marxisten nennen so etwas "entfremdete Arbeit".

Dabei ist der Sinn nicht verloren gegangen, er ist nur schwerer zu greifen und zu verstehen. Was kann man da machen? De Botton sagt, Manager müssen lernen, den Sinn zu vermitteln und das geht am besten über Geschichten. Die heutigen "Werte" und "Mission Statements", die mancher Arbeitgeber zu halbherzigen Zwecken wie Employer Branding auf Websites und auf Wände schreiben, erzählen keine Geschichten. Geschichten müssen schön und kunstvoll sein, um zu überzeugen (weshalb die Kirchen seit Jahrtausenden so sehr in Schrift, Musik, Malerei und Architektur investieren), sie müssen immer wieder charmant wiederholt werden, damit wir sie erinnern. Kommunikation muss liebevoll sein, um zum Mitmachen zu bewegen. Diese internen Sinnangebote der Arbeitgeber müssen heute mit professionellem Marketing konkurrieren: Sportschuhhersteller oder Automarken machen das extern weit besser, als Arbeitgeber intern für ihre Mitarbeiter.

Als Fazit könnte man sagen: nur über Emotionen wird etwas in Bewegung gesetzt, wie man heute noch im Englischen an der Verwandschaft von "motion", "motivation" und "emotion" sieht. Und ja: Wir alle können bessere Kollegen und bessere Chefs werden. Alain de Botton sagt sogar: Werden wir bessere Menschen, indem wir unsere emotionalen Konflikte, unseren inneren Idioten und unsere Grenzen eingestehen, darüber reden und wo möglich an ihnen wachsen. Wie man ein besserer Manager wird? Indem man versucht, ein besserer Mensch zu werden. The School of Life hat dazu unter de Bottons Führung eigens Programme entworfen, die in verschiedenen Modulen dabei helfen wollen. Eine gute Idee, finde ich, besonders solange alle konventionellen Management-Institute solche ganz grundlegenden Fähigkeiten vernachlässigen.

Dieser Text wurde von Gilbert Dietrich verfasst. Mehr spannende Beiträge zu philosophischen und psychologischen Themen findet Ihr auf seinem Blog www.geistundgegenwart.de 

(Foto: Gilbert Dietrich CC BY-SA 4.0)

 

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